Ich bin ein Baum mit zwei Stämmen

von Mehmet Parlak

Meine Großeltern sind als Gastarbeiter nach Deutschland eingereist und haben sich für ihre Kinder und Enkelkinder geopfert – ja sie haben sich allerdings geopfert. Sie haben weder die Sprache beherrscht, noch kannten sie die fremde Kultur. Doch sie kamen.. um zu arbeiten..  um zu leben!

Der bekannte Schriftsteller und Architekt Max Frisch brachte es auf den Punkt: „ Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen “ – das heißt, dass man sich nicht nur die Arbeitskraft eines Menschen ins Land holen kann, sondern auch seine Persönlichkeit, seine Bedürfnisse und seine Kultur.  (Spiegel.de – Gastarbeiter)

Es ist nun fast 3. Generationen her, dass unsere Großeltern eingewandert sind. Doch immer noch ist die Rede von Assimilation, Inklusion, Integration und Identitätsproblemen. Jeder weisst bescheid, dass man uns in Deutschland als „Ausländer“ sieht und in der Türkei als „almanci betitelt  was sowas bedeutet wie Deutschländer. Wir wären sozusagen weder 100% Deutsch, noch 100% Türkisch.

Viele „Deutsche“ wundern sich auch, dass die meisten Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund mittlerweile die Sprache gut beherrschen. Als ich mit einer etwas älteren Dame eine nette Konversation hatte, erwähnte sie: „Sie können aber gut deutsch„. Die Aussage hat mich leicht verwirrt und ich antwortete: „Warum auch nicht? Ich bin ja schließlich hier geboren„.

Beide Sprachen sind mir sehr wichtig und im Laufe des Erwachsenseins ist mir bewusst geworden, dass sowohl die türkische, als auch die deutsche Sprache bei mir eine wichtige Rollen haben. Die deutsche Sprache benutze ich oft, wenn ich wissenschaftliche Tätigkeiten nachgehe oder bei Formalien, doch wenn ich meine Emotionen ausdrücken will, gebrauche ich dafür die türkische Sprache. Vielleicht hängt das davon ab, weil die türkische Sprache affektiver aufgebaut ist als die deutsche Sprache oder vielleicht auch weil meine Mutter türkisch spricht und ich emotional an sie gebunden bin. Darauf habe ich leider keine richtige Antwort – gibt es überhaupt dafür eine richtige Antwort..?

Ich finde, dass man die Zweisprachigkeit generell nicht als ein Problem sehen soll, sondern als eine Bereicherung. Auch finde ich, dass man den Schülerinnen und Schülern nicht verbieten soll ihre eigene Muttersprache zu sprechen. Sowohl nicht in der Pause als auch nicht im Unterricht. Die Mehrsprachigkeit ist eine zarte Blume und Bedarf Fürsorge.  Es ist eine Fertigkeit, die individuelle Förderung benötigt.

Um meine Gefühlslage zu schildern fand ich dieses  Gedicht angemessen

Ich bin ein Baum mit zwei Stämmen

Ich bin ein Baum,
bin ein Baum mit zwei Stämmen.
Ja, ja: mit zwei Stämmen!
Das verstehst Du nicht?
Ich bin ein Baum
und habe nur eine Wurzel,
eine Wurzel dort, wo ich geboren bin.

Du willst, dass ich immer grün bleibe,
willst mich biegsam wie eine Weide
oder blühend wie eine Linde?
– Aber ich bin ein anderer Baum
und habe zwei Stämme.
Sie sind nicht gleich –
können nicht gleich sein.

Es ist schön und doch schwer,
zwei Seelen zu haben.
Du willst, dass ich eine wähle,
Nur eine Seele?
Aber schau dir diesen Baum an,
wie lebendig er ist, wie harmonisch!

Und nun stell dir vor,
ein Stamm würde abgeschnitten.
Wie verletzbar müsste er sein,
mein Baum.
Nein, ich möchte keinen Stamm verlieren,
ich will ich bleiben…
und weiterwalzen.

Denke nicht, ich stelle mich über die anderen.
Nein, ich bin ein Baum unter vielen;
nur ein wenig anders:

Eine Wurzel, ein Herz…
aber zwei Seelen. 

Maria Bender
Lu Sponheimer

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Baum mit zwei Stämmen [23.09.2015]

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